Stürzende Linien vermeiden

Einleitung

Gerade heraus…

Vermutlich kennt ihr das Problem: Je nach Perspektive, Ausrichtung der Kamera oder eingesetztem Objektiv kommt es zu sogenannten stürzenden Linien. Stürzende Linien sind aufeinander zulaufende Kanten an Objekten, die in Wirklichkeit parallel sind. Dieser Effekt kann als Gestaltungsmittel gewollt sein, um beispielsweise Dynamik oder Größe des Motivs zu betonen. Manchmal ist das Auftreten stürzender Linien jedoch ungewollt. Im heutigen Fototipp erfahrt ihr, wie sich stürzende Linien vermeiden lassen.

Vermeidung im Vorfeld

Auswirkungen der Aufnahmeposition Bereits beim Fotografieren könnt ihr einige Maßnahmen ergreifen. Im Bild rechts seht ihr die zwei wesentlichen Parameter, welche  das Entstehen von stürzenden Linien begünstigen: die Entfernung zum Motiv und die relative Höhe der Aufnahmeposition. Wenn ihr eine ausreichend große Entfernung zum Motiv habt, stehen die Chancen gut, ein Gebäude unverzerrt aufzunehmen, da es sich leichter ohne Neigung der Kamera bildfüllend ablichten lässt. Ist das nicht möglich, da es beispielsweise die Lage nicht zulässt, könnt ihr alternativ die Höhe eurer Aufnahmeposition ändern. Das heißt die Kamera möglichst auf Augenhöhe mit dem Motiv auszurichten, so dass die Abbildung parallel zur Aufnahmefläche stattfindet.

Bei modernen Kameras gibt es auch nützliche Funktionen, die eine gute Ausrichtung der Kamera erleichtern. So bieten viele Hersteller Gitternetzlinien, die sich im Sucher einblenden lassen oder über eine spezielle Mattscheibe für DSLRs nachrüstbar sind. Alternativ kann auch eine Wasserwaage hilfreich sein, die bei der Positionierung hilft. Wasserwaagen gibt es als elektronische Einblendung oder beispielsweise als Aufstecklösung für den Blitzschuh.

Zusätzlich könnt ihr stürzende Linien vermeiden, wenn ihr auf (Ultra-)Weitwinkelobjektive verzichtet. Aufgrund ihres großen Aufnahmewinkels neigen diese Objektive, insbesondere an den Rändern, zu starken Verzerrungen. Nutzt stattdessen lieber ein Normalobjektiv (Brennweite größer 24mm, z.B. 50mm). Wenn ihr nicht auf ein solches Objektiv verzichten könnt, versucht euer Motiv möglichst mittig, außerhalb des Randes zu positionieren. Dies reduziert stürzende Linien wirkungsvoll.

Eine weitere Variante besteht in der Nutzung spezieller Objektive. Sogenannte Tilt-Shift-Objektive ermöglichen eine Korrektur der Verzerrungen bereits beim Fotografieren, wie das Bild unten zeigt. Allerdings sind solch professionellen Objektive in der Regel recht teuer. So kostet etwa das Canon TS-E 24mm 3.5 L II Tilt/Shift knapp 1.900 EUR. Zusätzlich bringen diese Objektive im fotografischen Einsatz einige Einschränkungen mit sich. So müsst ihr beispielsweise auf den Komfort eines Autofokus verzichten und Korrekturen an der Belichtung manuell vornehmen. Außerdem empfiehlt sich zwingend der Einsatz eines Stativs, um eine präzise Ausrichtung zu ermöglichen.

Normal-Objektiv

vor der Korrektur der Verzerrung

Tilt-Shift-Objektiv

nach der Korrektur der optischen Verzerrung

Korrektur in der Nachbearbeitung

Ließ sich die Aufnahme im Vorfeld nicht perfekt ausrichten, könnt ihr in der Bildbearbeitung stürzende Linien beseitigen. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Allen gemein ist jedoch ein Verlust der Bildqualität, insbesondere der Schärfe. Könnt ihr damit leben oder ist die Korrektur nicht zu stark, können die Ergebnisse durchaus überzeugen.

Mit der kostenlosen Software ShiftN für Windows könnt ihr stürzende Linien komplett automatisch korrigieren lassen.
Einige Kamerahersteller bieten dazu kleine Tools an, die im Lieferumfang der Kamera enthalten sind. Andere Lösungen wie Adobe Camera Raw ermöglichen ebenfalls eine Korrektur, hier zum Beispiel unter dem Menüpunkt „Objektivkorrekturen –> Manuell“. Kostenpflichtige Programme wie der Raw-Entwickler DxO Optics Pro, das Korrekturwerkzeug DxO ViewPoint oder die Bildbearbeitungslösung Adobe Photoshop gehen über das reine Begradigen meist hinaus und bieten zusätzliche Optionen zur optischen Korrektur. Das Prinzip ist dabei ähnlich: Durch Positionieren verschiedener Linien entlang der schrägen Objektkanten werden diese wieder gerade ausgerichtet. Übrigens: In diesem Video Tutorial stelle ich die zwei Photoshop-Werkzeuge Objektivkorrektur und adaptive Weitwinkelkorrektur zur Begradigung stürzender Linien vor.

Wie bereits erwähnt, ist das korrigierte Bild meist etwas unscharf. Dabei nimmt die Unschärfe mit zunehmender Neigung zu. Daher empfehle ich selektiv nachzuschärfen. Achtet jedoch darauf, nicht zuviel zu schärfen, da es sonst zu harten Kontrasten an den Kanten kommt.

Fazit

In diesem Video Tutorial erfahrt ihr, wie stürzende Linien mit Photoshop begradigt werden.

Stürzende Linien können bereits während einer Aufnahme wirkungsvoll verhindert oder reduziert werden. Sollte das nicht ausreichen oder nur eingeschränkt möglich sein, lassen sich in der anschließenden Bildbearbeitung weitere Korrekturen vornehmen. Wie so oft haben beide Verfahren ihre jeweiligen Vor- und Nachteile.

Nur für den versierten Anwender, der regelmäßig Architekturaufnahmen anfertigt und professionell anbietet, lohnt sich der Einsatz spezieller Tilt-Shift-Objektive. Dem ambitionierten Foto-Amateur eröffnet sich hingegen ein kostengünstiger Weg in der digitalen Nachbearbeitung, um stürzende Linien zu korrigieren.

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