Ratgeber Langzeitbelichtung: Tipps zu Ausrüstung und Umsetzung

Gastartikel: Geschrieben von Rollei

Neue Möglichkeiten durch lange Belichtungszeiten

Als Fotograf sucht man ständig neue Perspektiven, um die Welt aus einem andern Blickwinkel abzulichten. Von Stillleben, Porträts, Landschaften bis Sportfotografie im Amateurbereich decken viele Kameras von Haus aus bereits ein interessantes Spektrum für Einsteiger ab. Selbst schwierige Situationen meistern moderne Sensoren von Systemkameras oder DSLRs mit Bravour und verkraften problemlos schlechtere Tageslichtverhältnisse.

lange Belichtungszeiten Doch was ist zu tun, wenn gar keine Momentaufnahme erwünscht ist? Vorbeiziehende Wolken, spiegelglatte Wasseroberflächen, geisterhafte Landschaften, prachtvolle Sternenhimmel oder wie leergefegte Orte – lange Belichtungszeiten bieten euch bislang ungeahnte Möglichkeiten. Die Langzeitbelichtung schafft surreale Abbilder der Wirklichkeit oder legt Details offen, die in einem spontanen Schnappschuss nie zur Geltung kommen könnten. Welche Ausrüstung ihr für dieses eigene Genre der Fotografie benötigt und was es zu beachten gilt, erfahrt ihr im folgenden Artikel.

Stativ und nützliches Zubehör

Langzeitaufnahmen von märchenhaften Wasserfällen oder Lichtschweife fahrender Autos bei Nacht – um nur zwei Anwendungsbeispiele zu nennen – verlangen nach einem Stativ. Nur mit diesem ist ein Bild frei von Verwacklern realisierbar. Allerdings gibt es noch weitere mögliche Störfaktoren, die euer Vorhaben sabotieren könnten. Eine Spiegelvorauslösung an DSLRs ist notwendig, um eventuelle Erschütterungen durch den Mechanismus zu vermeiden. Bei schwerer Ausrüstung genügt ein reines Anfassen des Auslösers in Kombination mit einem nur mäßig stabilen Stativ für unangenehm lange Ausschwingzeiten. Ein Zeitauslöser von 10 Sekunden gewährt allgemein genügend Abstand, damit Stativ und Kamera rechtzeitig zur Ruhe kommen.

Stativbefestigung für Langzeitbelichtung Komfortabler ist die Unterstützung durch einen Fernauslöser, der per Kabel oder Infrarot die Aufnahme startet. Kameras mit WIFI-Support lassen sich meist über eine firmeneigene Smartphone-App kontrollieren. Diese kann euch als praktische sowie kostenlose Alternative zu kommerziellen Angeboten dienen. Eine sorgfältige Auswahl eines stabilen Untergrundes ist ebenfalls Pflicht. Weicher Waldboden oder schwingende Untergründe geben Vibrationen durch zu hartes Auftreten leicht weiter. Daher solltet ihr die anfallende Wartezeit während der Aufnahme mit entsprechender Geduld und ohne heftige Bewegungen verbringen. Ungewollt führen Schritte zu einem nachträglichen Wackeln des Stativs. Selbstverständlich gilt dies auch für Windböen. Daher ist es immer sinnvoll, bei geeigneter Wetterlage die Aufnahmen im Voraus zu planen. Notfalls wartet ihr einen ruhigeren Moment ab und stabilisiert euer Stativ mit einem Gewicht vor Windstößen. Hochwertige Modelle besitzen zu diesem Zweck einen Karabinerhaken am unteren Ende, wo ihr eure Fototasche oder Rucksack komfortabel einhängen könnt.

Ein schwarzes Stück Pappe hilft zudem unerwünschte Lichtquellen kurzfristig auszublenden. Fährt überraschend ein Auto mit Lichtscheinwerfern durch eure Szene, könnt ihr dieses durch kurzzeitiges Verdecken des Objektivs aus der Aufnahme aussperren. Als Folge wird das Bild zwar geringfügig dunkler ausfallen, dafür bleibt die Szene aber geschützt vor unbeabsichtigter Lichtverschmutzung.

Ein Graufilter macht den Tag zur Nacht

Häufig stellt sich euch ein recht banales Problem am Tag: Langer Lichteinfall auf dem Kamerasensor lässt das Bild strahlend weiß erscheinen. Nichts von dem Motiv bleibt einer massiven Überbelichtung verschont. Doch woher soll die nötige Dunkelheit für den Ausgleich mitten am helllichten Tag kommen? In der Nacht existiert diese Herausforderung hingegen kaum. In der Regel liefern euch beleuchtete Straßenabschnitte nur dann genug Licht, wenn die Blende möglichst weit offen steht und der ISO-Wert entsprechend angepasst wird. Für Landschaften und Stadtfotografie ist aber ein unscharfer, freigestellter Hintergrund durch Offenblende meist nicht erwünscht. Tagsüber verändern sich diese Bedingungen ins Gegenteil: Zu viel Licht macht es unmöglich, selbst mit stark geschlossener Blende eine Langzeitbelichtung zu realisieren. Der Ausweg aus der Misere ist ein ND-Filter (Graufilter). Im Prinzip funktioniert dieser wie eine Sonnenbrille vor dem Objektiv und dunkelt die Szenerie ab. Folge: Es lässt sich abhängig von der Stärke des Filters trotz Sonnenschein ein sehr langer Zeitrahmen für die Belichtung realisieren.

ND Filter Variable Graufilter erlauben euch sogar eine individuelle Abstimmung der Lichtblockade, neigen aber je nach Anbieter zu Farbverfälschungen und Artefakten. Als etwas sicherer aber dafür auch unflexibler gelten Filter mit fester Stärke. Diese liefern meist die bessere Optik, erzeugen allerdings im Gegenzug mehr Aufwand pro Aufnahme. Kurz vor Sonnenaufgang oder direkt nach Sonnenuntergang bleibt meist noch genügend Licht für eine Einschätzung des Motivs übrig. Der Zeitraum ist zwar äußerst knapp bemessen, doch in dieser speziellen Lichtsituation erreicht ihr ohne weitere Hilfsmittel wie ND-Filtern angemessene Verschlusszeiten für ausgeprägte Bewegungsunschärfe und künstlerische Effekte.

Stärke des ND-Filters berechnen

Da eine massive Verdunkelung für teils minutenlange Aufnahmen den Autofokus unbrauchbar macht, muss das Motiv von euch vor dem Aufschrauben des Filters ausgerichtet und fokussiert werden. Herstellerangaben zur Filterstärke helfen euch dabei, die korrekte Belichtungszeit zu wählen und so einer groben Über- oder Unterbelichtung aus dem Weg zu gehen. Der Wert ND 1000 lässt um den Faktor 1000 weniger Licht auf den Sensor auftreffen. In diesem Fall verlängert sich die Belichtungszeit von 1/1000 Sekunde auf 1 Sekunde. Weiteres Abblenden dehnt die notwendige Belichtungszeit meist noch deutlich aus.

Tipps für die Einstellung an der Kamera

Eine automatische Belichtungsbewertung durch die Kamera ergibt meist keinen Sinn bei einer Langzeitaufnahme mit aufgeschraubten Filter. Es ist schlicht zu düster. Lediglich zur Einschätzung der Lichtverhältnisse vor der Nutzung des Filters ist der Blenden- oder Zeitenprioritätsmodus ein sinnvolles Werkzeug. Der rein manuelle Modus gilt daher in der Regel als wichtigste Stellschraube für die korrekten Einstellungen. Hier könnt ihr die errechneten Werte per Hand einstellen und die Empfehlung eurer Kamera vollständig ausblenden. In finsterer Umgebung unterstützt euch eine einfache Taschenlampe beim Fokussieren vor dem Start der eigentlichen Langzeitbelichtung.

Bildvorschau Generell solltet ihr den Live-View nutzen, der dank elektronischer Verstärkung ein klareres Bild anzeigt im Vergleich zu einem optischen Sucher. Hohe ISO-Werte sind generell unnötig, da Bewegungsunschärfe durch die verlängerte Aufnahmephase über viele Sekunden oder gar Minuten ohnehin ein wesentliches Element dieser Art von Fotografie darstellt. Eine künstliche Verkürzung der Verschlusszeit über erhöhte ISO-Einstellungen ist nur bei freihändiger Arbeit oder der Sportfotografie notwendig. Außerdem würden die bereits sehr stark vertretenen Schattenbereiche in Nachtaufnahmen unappetitlich starkes Rauschen aufweisen und die Bildqualität enorm herabsetzen.

Viele Modelle verfügen über eine integrierte Rauschunterdrückung speziell für Langzeitaufnahmen. Diese sollte unbedingt vor Start aktiv sein. Sie neutralisiert durch eine zweite Aufnahme identischer Laufzeit mit heruntergeklapptem Vorhang die ansonsten auftretenden Farbfehler in Form von bunten Pixeln.

Übrigens sei euch geraten, den optischen Sucher einer klassischen DSLR mit einer Okularabdeckung vor Lichteinfall zu schützen. Mit etwas Pech leitet der Spiegelkasten Reflexionen auf den Sensor weiter und sorgt für unschöne Lichteinschüsse auf dem fertigen Bild. Optische Stabilisatoren an Objektiven oder Kameragehäuse dürfen während der Aufnahme überhaupt nicht arbeiten, da sie als Folge trotz optimaler Bedingungen Unschärfe in das Bild einstreuen können.

Und hier nochmal in Kurzform die wichtigsten Tipps für eine gelungene Langzeitaufnahme:

  • Motiv auswählen und Stativ ausrichten
  • Stabilisator deaktivieren und Kamera aufsetzen
  • Niedrigster ISO-Wert einstellen, Langzeitentrauscher aktivieren
  • Okular abdecken und Spiegelvorauslösung einschalten
  • Fokussieren sowie Belichtungsmessung in Zeiten- oder Blendenpriorität
  • Autofokus abschalten und im Anschluss ND-Filter aufschrauben
  • Vorheriger Belichtungswert mit Stärke des ND-Filters verrechnen
  • Blende zusätzlich schließen, um Belichtungszeit nach Bedarf zu verlängern
  • Auslösen mit Fernauslöser, Smartphone-App oder Zeitverzögerung
  • Ergebnis beurteilen und eventuell leichte Korrekturen für einen neuen Versuch vornehmen

Viel Spass beim Ausprobieren!

 

Über den Autor
Seit 1920 steht der Name Rollei für hochwertige Kameras und Fotozubehör. Heute umfasst die vielfältige Produktpalette auch Rollei Fotofilter, Stative, Actioncams, Dashcams, Überwachungskameras, digitale Bilderrahmen und DiaFilmScanner.

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