Entfesselt Blitzen: So gehts

Gastartikel: Geschrieben von Alexander Salomon

Einleitung

Bessere Bilder durch entfesseltes Blitzen

In diesem Artikel möchte ich eine fortgeschrittene Technik vorstellen, das sogenannte entfesselte Blitzen. Was genau ist das?  Wie funktioniert es? Was für eine Ausrüstung benötigt ihr? Und wie sieht das Ergebnis aus? Fragen über Fragen. Aber keine Sorge, ich werde alles detailliert erklären. Und am Ende habt ihr auf diese Fragen die passenden Antworten und könnt losziehen und mit etwas Vorarbeit eure ersten Fotos machen. Es ist nicht schwierig und das Ergebnis ist aller Mühe wert.

Ich habe darauf geachtet, den Materialaufwand so gering wie möglich zu halten. Man kann, wenn es um Fotoausrüstung geht, auch sehr leicht vierstellige Beträge locker machen, aber das wollen wir hier vermeiden. Alles, was ich hier schreibe und zeige, ist leicht nachvollziehbar und mit einem vernünftigen finanziellen Aufwand möglich. Also, los geht es: Als ersten Punkt müssen wir klären, was entfesseltes Blitzen ist: Gegenüber der „klassischen“ Methodik, wo der Blitz auf dem Hotshoe der Kamera geschraubt ist, befindet er sich beim entfesselten Blitzen seitlich, über, unter oder hinter dem Objekt, das wir fotografieren wollen.

Warum ist das gut?

Wenn sich der Blitz in der gleichen Ebene wie die Linse bzw. der Kamerasensor befindet, wird das vom Blitz ausgestrahlte Licht geradewegs zurück reflektiert. Das führt dazu, dass die Objekte „totgeblitzt“ werden. Die Zeichnung und Struktur geht dabei weitgehend verloren. Kommt das Licht hingegen von der Seite, dann modelliert es die Unebenheiten und das Objekt bekommt eine räumliche Tiefe und Struktur.

Wenn ich direkt von vorne blitze, dann geht diese Struktur fast vollständig verloren. Es gibt natürlich auch Situationen, in denen ich das Motiv von vorne blitze, z.B. Aufhellblitz bei Gegenlichtsituationen. Das ist aber eine Ausnahme, weil ich in diesem Fall den Blitz nur als zusätzliche Aufhellung verwende bzw. den Kontrast zwischen Licht und Schatten abmildere. Auch hier könnt ihr natürlich entfesselt blitzen, es ist aber nicht unbedingt notwendig.

Auf die Ausleuchtung kommt es an

Auf dem ersten Foto seht ihr, wie ich die Objekte direkt von vorne angeblitzt habe. Auf den Oberflächen haben sich hässliche Reflexionen gebildet und die Stellen sind überbelichtet. Im Gegensatz dazu fällt die Helligkeit schnell ab und der weiße Hintergrund wird grau, Bild 1. Auf dem nächsten Bild habe ich einen Diffusor auf den Blitz gesteckt (sieht aus wie ein Joghurtbecher, kostet dafür aber das 10-fache). Auch wenn es nicht das eigentliche Thema dieses Beitrags ist, möchte ich die Wirkung hier demonstrieren: Die Kontraste werden abgemildert und die Zeichnung auf den Oberflächen wird etwas besser, aber toll ist das Ergebnis nicht, Bild 2.

  • Frontal geblitzt

    Bild 1

  • Mit Diffusor geblitzt

    Bild 2

  • Über Zimmerdecke geblitzt

    Bild 3

Das nächste Bild ist etwas besser, hier habe ich indirekt geblitzt, d.h. in diesem Fall gegen die Zimmerdecke. Das hat relativ gut funktioniert, da die Decke weiß ist. Man sieht aber deutlich die Reflexion auf der Oberseite der Orange. Diese Methode kann auch bei Porträts funktionieren. Die Gefahr ist aber, dass relativ harte Schatten auf die Gesichter geworfen werden. Wenn dann die Schwiegermutter auf allen Fotos aussieht, als hätte sie drei Tage durchgefeiert, kann das den Familienfrieden beeinträchtigen ;-). Wer einen Blitz hat, der seitlich verschwenkbar ist, kann gegen die Wand blitzen und das reflektierte Licht nutzen. Das Ergebnis wird meist besser, aber Vorsicht bei farbigen Wänden. Sonst zeigt die Schwiegermama eventuell Anzeichen einer Gelbsucht, was die Situation auch nicht verbessert, Bild 3.

Zurück zum Thema: Was passiert, wenn ich den Blitz abnehme und im 45°-Winkel zu meinem Objekt plaziere, seht ihr auf Bild 4. Was für ein Unterschied! Das ist übrigens die klassische Porträtausleuchtung: sowohl 45° seitlich als auch nach oben versetzt. Strukturen treten hervor und durch den Schattenwurf bekommt das Bild eine räumliche Ausdehnung in die Tiefe. Dieses Foto weist noch hohe Kontraste und einen starken Schlagschatten auf. Um dies abzumildern, habe ich eine Softbox vor meinen Blitz montiert. Das Ergebnis seht ihr in Bild 5. Das Licht wirkt jetzt weicher und die Kontraste werden abgemildert, ebenso der Schlagschatten.

  • Schräg geblitzt

    Bild 4

  • Mit Softbox geblitzt

    Bild 5

Um die Bildwirkung weiter zu verbessern, habe ich mit einem zweiten Blitz den weißen Hintergrund „ausgeblitzt“. Das Obst ist korrekt beleuchtet und der Hintergrund ist komplett weiß, d.h. er weist keinerlei Zeichnung mehr auf. Auf der rechten Seit habe ich noch einen weißen Reflektor aufgestellt, der einen Teil des Lichts zurückwirft und so die Schatten auf der rechten Seite zusätzlich abmildert, Bild 6.

  • Weiterer Blitz und Reflektor

    Bild 6

  • Gerichtete Hintergrundbeleuchtung

    Bild 7

Eine andere Bildwirkung erziele ich, wenn die Hintergrundbeleuchtung relativ stark gerichtet ist und nur einen Teil des Hintergrundes beleuchtet. Dann entsteht ein Lichtsaum am Hintergrund, der das Objekt vom Hintergrund trennt und zusätzlich Tiefe erzeugt. So entsteht ein harmonisch ausgeleuchtetes Foto mit räumlicher Tiefe, Bild 7.  Wer mag, kann noch einen farbigen Gelfilter über den Blitz stülpen, dann wird der Hintergrund zusätzlich eingefärbt.

Die richtige Ausrüstung

Was braucht man nun, um zu solch einem Ergebnis zu kommen?

  • Mindestens ein Blitzgerät, an dem sich die Leistung manuell einstellen lässt. Wenn ihr einen modernen Systemblitz habt, dann könnt ihr die i.d.R. im manuellen Modus betreiben. Ansonsten lautet meine Empfehlung: Yongnuo. Einfach mal danach googeln oder bei einem bekannten Internet-Händler vorbeischauen.
  • Einen Funkauslöser, der auf den Hotshoe der Kamera montiert wird. Auch hier bietet Yongnuo interessante bezahlbare Alternativen.
  • Mindestens einen Blitzauslöser, der das Signal der Funkauslösers empfängt und den Blitz zündet. Wird zusammen mit dem Funkauslöser verkauft.
  • Optional: ein Stativ mit Blitzneiger. Ich bin ein Fan von Wallimex-Stativen, weil das Preis-Leistungsverhältnis stimmt.
  • Optional: eine Softbox oder einen Blitzschirm, um ein möglichst weiches Licht zu bekommen. Ein Schirm ist deutlich günstiger zu haben. Mein Tipp: Nehmt den mit 150 cm Durchmesser oder eine rechteckige Softbox (Striplight – dann wird’s aber etwas teurer).

Wie bestimmt ihr, ob die Beleuchtung passt? Es gibt sehr teure Blitzauslöser von den Kameraherstellern, mit denen TTL-Belichtungsmessung möglich ist. Mein Tipp an dieser Stelle: vergesst den ganzen Nonsens. Das kostet unnötig viel Geld und das Ergebnis wird dadurch nicht besser. Ihr bestimmt die korrekte Belichtung durch ausprobieren.

Wenn ihr euch mit entfesseltem Blitzen beschäftigt, dann wisst ihr sicherlich, wie ihr eure Kamera im manuellen Modus bedient. Falls nicht, dann schaut auf meiner Webseite vorbei. Da erkläre ich Schritt für Schritt, wie ihr euch von den Fesseln der Programmautomatik befreit.

Wie ihr euren Systemblitz mit einer Softbox kombiniert, erfahrt ihr in diesem Artikel.
Ausprobieren ist für den Anfang tatsächlich die beste Möglichkeit. Stellt die Kamera auf eure Blitzsynchronzeit ein (meist 1/60 oder 1/125) und wählt die Blende, die ihr für eure Gestaltung braucht. Je nach Brennweite würde ich Blende 8 – 16 empfehlen. Beim ISO-Wert würde ich mit 200 bis 400 ISO anfangen. Mit diesen Einstellungen macht ein paar Probeaufnahmen. Mein Tipp: Wählt, wenn möglich, die ISO-Werte etwas höher und dreht dafür die Leistung am Blitz runter, dadurch werden die Akkus geschont und die Nachladezeit verkürzt sich deutlich. Bei Still Life-Aufnahmen ist das nicht so dramatisch, aber wenn ihr ein Model, Kinder oder Tiere fotografiert, kann eine schnelle Belichtungsfolge den Unterschied zwischen gelungenen und misslungenen Fotos ausmachen.

Keep it simple

Für den Anfang würde ich ein schlichtes Setup wählen. Der Blitz wird im 45°-Winkel-Winkel zum Objekt aufgestellt. Je weiter weg das Objekt vom Hintergrund weg ist, desto weniger Licht fällt auf den Hintergrund und desto dunkler wird er. Auf diese Art lassen sich unschöne Strukturen von Raufasertapeten o.ä. kaschieren und es gibt keine hässlichen Schlagschatten an der Wand. Auch hier gilt: probieren, probieren, probieren. Für möglichst weiches Licht muss der Schirm oder die Softbox möglichst nahe an das Objekt ran. Eine Softbox in 5 m Entfernung macht auch hartes Licht!

Damit seid ihr gerüstet für euren ersten Ausflug in die Welt des entfesselten Blitzens. In diesem Sinne…Keep shooting!

Alexander

Über den Autor
Alexander Salomon beschäftigt sich seit seinem 15. Lebensjahr mit der Fotografie. Zunächst noch mit analogen Spiegelreflex-Kameras erfolgte der Umstieg auf die digitale Fotografie vor 3 Jahren. Nachdem er sich anfangs mit Reisefotografie beschäftigt hat, liegt sein jetziger Schwerpunkt in der Portrait- und Sportfotografie. Zusätzlich ist er als Dozent für Fotokurse an der Volkshochschule tätig.

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1 Kommentar

  1. Sehr schöner Beitrag,

    kommt mir sehr gelegen, denn ich habe mir heute ein Yongnuo YN-565Ex bestellt, mit dem ich in Welt des entfesselten Blitzens einsteigen möchte.

    Also werden mir deine Worte sicher eine Hilfe sein, Vielen Dank und weiter so …

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